Rezension: Rebecca Stephan, Zwei halbe Leben

Nichts Halbes, nichts Ganzes

Diese Rezension habe ich längere Zeit vor mir her geschoben, denn ich war ziemlich enttäuscht. Der Klappentext und die Aufmachung des Buches versprachen so viel. Nur leider hält das Buch nichts von diesen Versprechungen.

1654Die Idee der Geschichte ist gut und realistisch: Maximilian und Sophie werden bei einem schlimmen Bombenangriff 1945 in einem Frankfurter Keller verschüttet. Dort erleben beide das, was man ‚Liebe auf den ersten Blick‘ nennt. Und noch mehr: Sie verfallen einander mit Haut und Haaren. Der Haken: Beide sind nicht nur verheiratet, sondern haben auch Kinder. Als sie sich dann aus dem Keller freigeschaufelt haben, beschließen sie, mit Hilfe einer guten Freundin von Sophie einen kompletten Monat in ‚ihrem Zuhause‘, dem Keller, zu verbringen, und dann erst zu ihren Familien zurückzukehren. Alles Weitere wollen sie dem Schicksal überlassen. So vereinbaren sie, sich jedes Jahr am 18. April zwischen 6 Uhr morgens und Mitternacht für genau fünf Minuten am Römerplatz aufzuhalten. Wenn sie sich begegnen, verbringen sie ihr weiteres Leben gemeinsam. Wenn nicht – dann versuchen sie es eben nächstes Jahr wieder.

Die Idee ist gut, aber dann wird zunehmend dick aufgetragen:

Sophie ist arm wie eine Kirchenmaus, ihr Mann ein prügelnder, ungepflegter, widerlicher Alkoholiker, der droht, sie umzubringen, sollte sie ihn verlassen. Maximilian gehört zu einer der reichsten Familien Frankfurts, steckt aber fest in einer Ehe mit einer gefühlskalten Frau und einem Netz aus Intrigen, das sein patriarchalischer Vater perfekt spinnt.

Wie sich die Leben der beiden über die nächsten Jahre entwickelt, wird abwechselnd von der Autorin erzählt und anhand von Briefen, die Maximilian und Sophie einander schreiben (ohne sie absenden zu können, da sie nicht mal ihre Nachnamen ausgetauscht haben). Auch diese Idee ist gut, allerdings ging mir das permanente Gejammere der beiden unglaublich auf die Nerven. Es ist für mich unglaubwürdig, dass Sophie in den Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit, in der tausende von Menschen verschollen sind, nicht irgendeinen Weg gefunden hätte, mit ihren Kindern komplett unterzutauchen.

Auch Maximilian fügt sich, wird immer schwächer und auf Dauer lethargisch und depressiv. Es muss sogar sein Sohn für ihn aktiv werden und ihn aus der scheinbar aussichtslosen Situation innerhalb weniger Monate herausboxen. Auch hier ging mir die Figur des armen, reichen Mannes, der nicht in der Lage ist, selbstständig zu handeln, sehr auf die Nerven. Vielleicht war es zu Kriegszeiten und in der Nachkriegszeit tatsächlich in der Gesellschaft so, aber ich tue mich schwer damit zu glauben, dass zwei Menschen, die sich dermaßen lieben wie Max und Sophie, tatsächlich 20 Jahre lang willentlich in ihren miserablen Leben steckenbleiben – egal in welcher Epoche.

Doch auf einmal überschlagen sich die Ereignisse, schnell wird noch der Bezug zu tatsächlich Geschehenem hergestellt, und ich kam aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Nach 20 Jahren tatsächlich Licht am Ende des Tunnels? Hoffnungsvoll nahm ich die letzten Seiten in Angriff und … dazu kann ich nun nichts sagen, ohne zukünftigen Lesern zu viel zu verraten. Darum sage ich sehr neutral: Der Schluss passt zu meinem Eindruck vom gesamten Buch. Und schüttele meinen Kopf noch ein wenig weiter.

Die Sprache im Buch ist zum Teil sehr schlicht, zum Teil sehr schwülstig. Dazu erklärt die Autorin überflüssig oft Sachverhalte, die man als halbwegs gescheiter Leser eigentlich sofort selbst versteht.

Mein Fazit: Es hätte wirklich ein sehr schönes Buch werden können, hinterließ aber während des Lesens und nach dem Zuschlagen bei mir ein eher genervt-frustriertes Gefühl. Übrigens ist ‚Rebecca Stephan‘ ein Pseudonym. Dahinter steckt Steffi von Wolff, die wohl normalerweise eher im Bereich der lustigen Frauenbücher angesiedelt ist. Da ich davon allerdings (noch?) keines kenne, kann ich keine Aussagen dazu machen, ob ihr das Genre vielleicht besser liegt. Vielleicht teste ich das mal als nächstes aus.

Rebecca Stephan, Zwei halbe Leben. List Verlag, 3. Auflage 2012

Autorin: Dorothee Bluhm WortParade
www.wortparade.de