Fehntjer Buurmester auf dem Prüfstand: Familiensinn und wenig Schärfe

Bürgermeister Geert Müller

“Manchmal muss man sich einfach in die erste Reihe setzen.” Rhauderfehns Bürgermeister Geert Müller hat die Aufforderung während einer Familienfeier nicht vergessen und überträgt sie auf sein Amtsverständnis. “Sie werden mich nicht in der zweiten Reihe sehen, und andere machen vorne die Arbeit. Ich habe den Anspruch, mit den Leitern der Fachbereiche fachlich mitreden zu können.”

Geert Müller stellt sich am 26. Mai den Bürgern Rhauderfehns zur Wiederwahl als Bürgermeister. Herausforderer Ingo Heynen will das mit einer vermeintlich einfachen Gleichung verhindern: Wenn die Wählervereinigung MOIN nur drei Sitze im Rhauderfehner Gemeinderat innehabe, dann könne er als Bürgermeister an der Spitze der Verwaltung den MOIN-Anliegen mehr Geltung verschaffen. Heynens Tonlage klingt dabei anders als bei Müller: Er spricht davon, man müsse eigene Interessen anderen gegenüber “verkaufen”, und der Bundespräsident ist für ihn schlicht “der Steinmeier”.  Die Frage muss erlaubt sein, ob eine solche Diktion einem möglichen künftigen Verwaltungschef angemessen ist. Teamplayer zu sein, nehmen beide für sich in Anspruch. Nach der Selbsteinschätzung gefragt, sieht sich Ingo Heynen als “humorvoll, zielstrebig und gewissenhaft”, während Amtsinhaber Geert Müller angibt, er sei manchmal “ein Stiesel”, habe “den Schalk im Nacken” und sei zudem “loyal und treu”. Müllers liebevolle Worte an seine Frau Heide Ihlenburg begegnet Heynen mit der Bemerkung, mit seiner Wirkung auf Frauen sei er durchaus zufrieden.

Herausforderer Ingo Heynen

Und die Sachfragen? Die Kontrahenten gehen höflich und respektvoll miteinander um. Wenn Kontroversen aufblitzen, bleiben sie weitgehend ohne rhetorische Schärfe. Man könnte vergessen, dass hier ein Bürgermeisteramt für acht Jahre auf dem Spiel steht. Heynen wirbt auf Plakaten mit drei Schwerpunktthemen: “Ortschaften stärken. Fehnbild erhalten. Schwimmbad bauen.” Mit Vehemenz macht sich der Herausforderer für ein Schwimmbad in Rhauderfehn stark. Die Schwimmöglichkeit für Schüler in Ramsloh erzeuge durch die Fahrten hohen Unterrichtsausfall. Außerdem sei eine Schwimmmöglichkeit für Patienten in Physiotherapie und für alle Altersklassen in der Freizeit dringend angezeigt. Bürgermeister Geert Müller sieht dagegen keinen sachlichen Bedarf und verweist auf die Höhe der Investitions- und Betriebskosten eines Schwimmbades. Die immens hohe Schuldenquote des Landkreises Leer lasse keine realistische Umsetzung von Heynens Forderung zu. Wer dennoch darauf bestehe, müsse sich die Frage nach Steuererhöhungen zur Finanzierung stellen.

Heynens Forderung, das Fehnbild müsse seinen unverwechselbaren Charakter bewahren, findet auch bei Müller Zustimmung. Dem Wunsch des Herausforderers, die Gemeinde müsse auch auf die Bundespolitik Einfluss nehmen, um Vorschriften zum Bauen im Außenbereich entsprechend anzugleichen, begegnet Müller kühl: “Durch Litaneien entstehen keinen neuen Bauplätze.” Es sei fahrlässig, hier falsche Hoffnungen zu wecken. Wie zu erwarten, blieb das Thema Schulstrukturreform zwischen beiden Kontrahenten ein Streitthema, bei dem Ingo Heynen einmal seine Angriffslust zeigte. Sein Einsatz für die Schule in Burlage sei “Ehrensache”, da stehe er im Wort, das er auch nicht brechen werde. Weitere Themen wie ein Kunstrasenplatz in der Gemeinde, ein neuer Standort für die Gemeindebücherei und selbst die Zukunft der Reilschule fanden nicht das große Interesse beim Publikum im vollbesetzten Saal des Verlaatshus.

Blick durch Stacheldraht zum Rathaus (Teil der Installation “Entwicklung”)

Der Kandidatenabend hat meine bisherige Einschätzung bestätigt: Meine Stimme hat Geert Müller. Da sehe ich Geradlinigkeit und Führungsstärke für Zeiten, die für Politik und Bürger gleichermaßen nicht einfach werden.. Das hat nichts mit einem Amtsbonus zu tun, sondern mit meinen Erfahrungen aus bisherigen Begegnungen. Die waren sachlich und menschlich zugleich, und das hat mich beeindruckt.

Wen man nach diesem Abend auch favorisieren mag, einen Gewinner gab es auf jeden Fall: Herbert Spies vom General Anzeiger führte launig und unverbraucht durch den Abend. Ein echter Gewinn für Rhauderfehn! 

Fotos (3): Detlef M. Plaisier

“LÖPPT! Mitnanner”: Junges Ehrenamt im Landkreis Leer auf Erfolgskurs

Tue Gutes und rede darüber. Selten galt dieses Wort nachdrücklicher als bei dem Bemühen, jungen Nachwuchs für die ehrenamtliche Arbeit in Vereinen zu finden. Der Landkreis Leer geht jetzt offensive Wege: Durch die Kampagne “LÖPPT! Mitnanner” konnten schon mehrere Hundert Schüler und Jugendliche für das Ehrenamt sensibilisiert werden  – und die Ergebnisse sind erstaunlich.

“Mit der passenden Ansprache entstehen da völlig neue Ideen”, erklärte jetzt Rainer Bruns in einer Talkshow der Stabsstelle Ehrenamt des Landkreises Leer im Forum der Sparkasse LeerWittmund. Und das stecke selbst Schüler an, die schon ehrenamtlich aktiv seien. Der Leiter des Schulzentrums Collhusen war im Januar erster Gastgeber eines Workshops zum Thema Ehrenamt für 21 Schülerinnen und Schüler einer zehnten Klasse. Bruns fand aber auch kritische Worte: Zwar könne ehrenamtliches Engagment den Rückzug ins Private durch Social Media-Nutzung ein Stück zurückdrehen. Doch dann müssten die Angebote für junge Leute dynamischer gestaltet und einige Internetauftritte der Vereine “entstaubt” werden.

Auch Torsten Janssen, Leiter an der BBS II, sieht positive Effekte für junge Leute durch ehrenamtliches Engagement – und lobt gleich “seine” Schüler: “Wer sich engagiert, kann auch andere begeistern. Und kreative Köpfe wachsen bei uns ständig nach.” Von rund 2.500 Schülerinnen und Schülern der BBS II seien über eintausend schon durch Schulungen und Workshops zum Ehrenamt erreicht worden. Wie sehr Arbeitgeber vom ehrenamtlichen Einsatz profitieren können, betonte Mara Többens aus der Geschäftsführung der Kaufhausgruppe Ceka. “Unser Familienunternehmen braucht Mitarbeiter mit Charakter. Wer sich ehrenamtlich engagiert, erweist sich im Berufsalltag oft teamfähiger als andere.”

Das Erfolgsrezept des Landkreises Leer wird demnächst durch die Sparkasse LeerWittmund honoriert: Vorstandsvorsitzender Heinz Feldmann kündigte an, sein Haus werde ein “Blinkfüür” speziell für junge Menschen im Ehrenamt dotieren. Das Geschenk hatte er in einem Gespräch gemeinsam mit Landrat Matthias Groote eingefädelt. Löppt!

https://ehrenamt.landkreis-leer.de/Angebote/L%C3%B6ppt-Mitnanner/

“Jugend rettet”: Seenotmission im Mittelmeer. Warum Humanismus den rechten Hass besiegt

Ehrenamtliches Engagement hat viele Ausprägungen. Eine der waghalsigsten ist es,  über eine Crowdfunding-Kampagne einen umgebauten Fischkutter zu kaufen und sich mit dem auf “Iuventa” (lateinisch für Jugend) getauften Schiff auf eine Mission zur Seenotrettung ins Mittelmeer zu begeben; so geschehen im Herbst 2015 durch die Berliner Initiative “Jugend rettet” als Reaktion auf den Tod von mehr als 800 Flüchlingen durch ein Bootsunglück im Mittelmeer (ja, der Begriff “Flüchtlingskrise” ist legitim, wenn man ihn über den eigenen Tellerrand hinaus in einen größeren Kontext stellt).

Viele der jungen Aktivisten von “Jugend rettet” hatten noch nie zuvor ein Fernglas in der Hand, ihre Erste Hilfe-Kenntnisse waren nur rudimentär vorhanden. Eines der wenigen Besatzungsmitglieder mit einsatzrelevanten Vorkenntnissen war der nautische Offizier Jonas Buja, Absolvent der Leeraner Seefahrtsschule. Er fuhr in knapp zwei Jahren fünf Einsätze auf der “Iuventa” mit, davon dreimal als Erster Offizier, zweimal als Kapitän. Heute tourt Jonas Buja mit dem Dokumentarfilm “Iuventa” durch die Republik und berichtet eindrucksvoll vom Leben an Bord, aber auch vom erzwungenen politischen Scheitern der Mission. In Leer war er in den “Leeraner Gesprächen” zu Gast, an seiner Seite Ulf Thiele, stellvertretender Vorsitzender der CDU-Fraktion im niedersächsischen Landtag.

Auf Thieles Facebook-Profil hatten Kommentatoren im Vorfeld gefordert, man möge die jungen Aktivisten mitsamt den Geretteten “torpedieren”. Ein Anhänger dieser Denkweise gab sich dann auch im Publikum zu erkennen, beschuldigte die Crew-Mitglieder als “kriminelle Schlepper”, die dem Menschenhandel Vorschub leisteten. Schlißlich hätten die Menschen in den Booten ihre Lage selbst verschuldet, sie seien somit keine Flüchtlinge und ihre Lage sei nicht mit Seenot gleichzusetzen. Auf dem Flur legte er noch nach: Die “Männer auf Afrika” würden uns bald “allen die Kehle durchschneiden”.

Voller Geldkoffer – full money bag

Die Antwort aus dem Publikum war eindeutig. Ulf Thiele gab dem eine Stimme: “Schlepper sind allein die, die Leben gefährden und daran verdienen.” Das dürfe aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbst mit ehrenamtlicher Seenotrettung “nur ein Symptom” bekämpft werde, man müsse das “staatliche Versagen ” hier deutlich benennen.  Und jeder, der laut auftrumpfe, solle sich darüber klar sein, dass globale Entwicklungspolitik eben nicht allein “mit prall gefüllten Geldkoffern” zu managen sei.

Ich bin nun sicher nicht als Anhänger der Christdemokraten bekannt. Was ich schätze, ist ein demokratischer Diskurs in gegenseitigem Respekt. Und da habe ich mich bei den “Leeraner Gesprächen” mit Ulf Thiele unter einer klaren Mehrheit von CDU-Mitgliedern bestens aufgehoben gefühlt. Es tut gut, sich unter Menschen zu wissen, vor denen ich mein christlich-humanistisches Grundverständnis nicht rechtfertigen muss. Danke! Und genau dieses stille Einverständnis macht mich zuversichtlich, dass der rechte Hass auf Dauer nur eine hässliche Fußnote bleiben und es immer wieder Menschen wie Jonas Buja geben wird, die verantwortlich handeln aus dem Herzen heraus.

https://jugendrettet.org/en/

Fotocredit: © Cesar Dezfuli; Jugend rettet; Fotolia / Bildagentur-o

Rhauderfehner Reformationstag 2018: Verbindendes, Trennendes und Pastore ohne Talar

Vorab: Ich verabscheue es, mich für meinen Glauben rechtfertigen  zu müssen. Und ich werde ihn auch nicht erklären. Er gehört zu mir, und ich erwarte, dass Menschen in meinem Umfeld dies akzeptieren.

Ein feste Burg… Lutherdenkmal in Lutherstadt Wittenberg. Foto: Detlef M. Plaisier

Im vergangenen Jahr durfte ich zum 500jährigen Reformationsjubiläum eine Bibelausstellung im Gemeindehaus der Rhauderfehner Hoffnungskirche kuratieren. Mir wurde klar: Dieses Thema betrifft mich über das Feierjahr hinaus. In diesem Jahr, zu 500+1, stand der Gottedienst unter dem Motto “Reformationstag feiern?”. Ja, mit Fragezeichen. Der Anlass lag auf der Hand: Erstmals war der Reformationstag in diesem Jahr auch in Niedersachsen Feiertag. Was steht hinter dieser Entscheidung? Hätte es geeignetere Tage gegeben?

Quelle: luther2017.de

Zu einem kleinen Gedankenaustausch im Rahmen des Gottesdienstes hatte die Kirchengemeinde die Regionalpolitiker Johanne Modder, Ulf Thiele und Geert Müller eingeladen. Bei allen trennenden politischen Grundeinstellungen wurde schnell klar: Hinter dem Reformationstag als zusätzlichem Feiertag stehen alle, trotz gangbarer Alternativen wie dem Tag der Verfassung, dem Europatag, dem Tag der Menschenrechte oder dem Buß- und Bettag. “Ein Tag, an dem man sich reiben kann und der dauerhaft zur Diskussion anregt”, meinte Ulf Thiele. Johanne Modder rief zur Einkehr auf, “was die Reformation mit uns gemacht hat.”

Nachdenklicher äußerte sich Rhauderfehns Bürgermeister Geert Müller. Man müsse den Sinn des Reformationstages sicher noch lange erklären, so seine Einschätzung, “weil viele Menschen eben recht einfach denken”. Sein Wunsch sei es, immer das Verbindende zwischen den Menschen und den Religionen zu erkennen: “Wenn wir im Geist von Matthäus 7,12 leben, entsteht ein christliches Schneeballsystem, und das hilft uns allen.”

Quelle: Gymnasium Rhauderfehn

Und der Gottesdienst? Ostfriesland ist anders im Glauben. Rhauderfehn auch. Und die Hoffnungskirche erst recht. Ohne Soli Deo Gloria (wie es zum Beispiel in Ihren auf der Orgel in der Kapelle der Evangelisch-freikirchlichen Gemeinde Westoverledingen steht und wie Johann Sebastian Bach jede seiner Kompositionen zeichnete), ohne “Eine feste Burg ist unser Gott”, ohne Talare fehlt mir etwas an diesem Tag. Ich kann mich mit Gospel und modernen Kirchenliedern nur schwer anfreunden zu so einem festlichen Anlass – trotz meiner Worte zur Eröffnung der Bibelausstellung im vergangenen Jahr:

“Kern des Wortes „Reformation“ ist Reform.
Reform – das geht immer nach vorne.
Reform, das muss nicht gleich so eine Revolution bedeuten wie bei Luther. Reform kann auch heißen: Jeder schaue in sich hinein, was er in seinem Umfeld ändern kann, schon länger ändern wollte, wozu ihm bislang der Mut fehlte.”

Ostfrieslandschau Leer 2018: nur eine kleine Notiz

Zugegeben: Ich bin von Leipzig vorbelastet. Dass ich von dem Namen “Ostfrieslandschau” nicht das gleiche Spektrum erwarten durfte wie von Verbrauchsschauen in der Messestadt, hätte mir klar sein müssen. So war es denn eine Präsentation regionaler Dienstleister und Organisationen mit den üblichen Messeprofis wie Vorwerk, Thermomix, ADAC und Pallhuber Wein. Fein, aber klein. Ich verstehe jetzt, warum die infa in Hannover im Volksmund “Hausfrauenmesse” heißt.

Jom Kippur 2018 in Aurich: Verlegung von Stolpersteinen und Buchpremiere

Es ist gut, dass Websites und Blogs nicht dem Zwang zur schnellen Berichterstattung unterliegen wie Tageszeitungen. So bleibt, wenn nötig, Zeit zur Besinnung und zum Nachwirken. So wie bei diesem Beitrag.

Die ostfriesische Kleinstadt Aurich ist bundesweit Vorbild bei der Aufarbeitung der jüdischen Vergangenheit vor der eigenen Haustür.  An Jom Kippur fand dort die 13. Verlegung von Stolpersteinen im Stadtgebiet statt. Beachtlich: Jetzt gibt es 339 kleine Denkmäler für vertriebene, verschleppte, deportierte und ermordete Juden im Pflaster. Eine Arbeitsgruppe arbeitet unermüdlich daran, den Entrechteten Namen und Gesicht zurückzugeben. Wie absurd erscheint da doch das “Argument”, Stolpersteine seien zum Gedenken nicht geeignet, weil man die Opfer so mit Füßen trete. Aber das ist eine andere Geschichte…

Geputzt habe ich sie schon mehrmals, doch ich war zum ersten Mal bei einer Verlegung von Stolpersteinen dabei.  Ich kenne keines der Opfer, keine der Opferfamilien. Ich habe keine Juden in meinem Freundeskreis, die ihren Glauben leben und mir davon erzählen. Und doch war ich so betroffen, als stürben dort Mitglieder meiner Familie. Es ist gut, wenn man unter Gleichfühlenden Tränen nicht verbergen muss. Ich lernte in einem kurzen Gespräch Levy (genannt Tito) Wolff kennen, der 1938 als Dreijähriger Aurich noch verlassen konnte und jetzt in Argentinien lebt. Für acht Mitglieder seiner Familie und für ihn selbst wurden an Jom Kippur Stolpersteine vor dem ehemaligen Wohnhaus in der Auricher Wallstraße gelegt. Ich werde ihm nach Buenos Aires schreiben.

Nach einem langen Tag war ich bestärkt: Niemand soll vergessen werden aus der schwärzesten Zeit Deutschlands. Die Arbeit des Erinnerns und Mahnens darf nie nachlassen. In diesem Sinne hat der Eckhaus Verlag Weimar ein Buch mit Stolperstein Geschichten aus Aurich aufgelegt. Der Band versammelt ausgewählte Biografien Auricher Opfer des Nationalsozialismus, die jetzt mit einem Stolperstein geehrt wurden. Die Bücher werden durch das Engagement großzügiger Sponsoren kostenlos an Auricher Schulen verteilt und sind außerdem für alle Leser frei im Handel erhältlich. Der Verlag arbeitet dabei ehrenamtlich ohne Gewinn.

Alle Fotos:  © Detlef M. Plaisier

200 Jahre Hilter Mühle: eine gelungene Familienfeier

Wer sich für den Erhalt einer Mühle engagiert, weiß: An einem alten Gemäuer ist immer etwas zu tun – und es ist immer ein Zuschussgeschäft. Doch wenn es etwas zu feiern gibt, dann darf man das mal getrost beiseite schieben. So feierten alle, die sich für die Hilter Mühle (für Kenner: die Dürkensche Mühle) in Lathen engagieren, am Wochenende ein Familienfest auf dem Hilter Berg. Höhepunkte an zwei sonnigen Tagen waren ein historisches Riesenrad, der Besuch einer Majestät und Buchweizen.

Buchweizen? Auf dem weitläufigen Mühlengelände steht nahe dem Eingang die Gastronomie “Hilter Mühle”, frisch auf Vordermann gebracht und betrieben von Patrick Bruns gemeinsam mit seiner Frau Lisa. Empfehlung von mir: Erst einkehren, dann die Mühle besichtigen. Die Preiselbeer-Buchweizen-Torte ist die beste ihrer Art mindestens im ganzen Emsland – ich schwöre!

Der Jubilar, ein Erdholländer mit zwei funktionstüchtigen Mahlgängen, erwies sich als Magnet für Familien. Mit großer Geduld und viel Herzblut erläuterten die ausgebildeten Freiwilligen Müller die Funktionweise der Mühle. Viele Besucher wagten sich die steile Treppe herauf, um das Mahlen mit Unterstützung des Motorantriebs zu erleben.

Am Sonntag stattete Ihre Majestät Johanna I., ihres Zeiches erste Kornkönigin Deutschlands, dem Mühlenfest einen Besuch ab. Die Tourismusfachwirtin aus Börger amtiert seit 2015 als Teil einer cleveren Marketingstrategie der Edelkorn-Brennerei Josef Rosche aus Haselünne. So gelangt Emsländer Schluck charmant bis zur EU-Kommission nach Brüssel…

Der Heimatbegriff wird in Deutschland wieder öffentlich kontrovers diskutiert. Die Initiatoren des Jubiläums-Mühlenfestes in Hilter haben gezeigt, wie unverkrampft das gehen kann: Ein Festzelt mit Live-Musik für die Großen, ein Riesenrad von 1902 und “Hau den Lukas” für die Kleinen, dazu Vorführungen traditionellen Handwerks, und mittendrin ein stolzes Stück Heimatgeschichte.

Ich wünsche “Glück zu! Loat de Möhl wäer draien!” Und als kleinenTrost für die Freiwilligen Müller, wenn das Engagement einmal schwerfällt, ein italienisches Sprichwort: “Bei Mühlen und Frauen fehlt immer irgend etwas.”

Alle Fotos:  © Detlef M. Plaisier
www.hilter-muehle.de
Hilter Mühlenlied: https://www.youtube.com/watch?v=XAA7b-DjEn4
Kopterrundflug: https://www.youtube.com/watch?v=NgA0_5N8XE0
Johanna I.: www.korn-koenigin.de

Mühlentour durchs Emsland: Wasser, Wind und Öl

Noch einmal hatte ich die Gelegenheit, den Ausbildungslehrgang der Freiwilligen Müller auf einer ganztägigen Bustour zu begleiten. Diesmal ging es, von der Sonne begleitet, entlang der Niedersächsichen Mühlenstraße ins Emsland. Aus den ursprünglich drei geplanten Zielen wurden am Ende vier.

Station 1: Wippinger Mühle
Infos zur Mühle: https://www.noz.de/lokales/doerpen/artikel/41027/wippinger-muhle-zu-neuem-leben-erweckt#gallery&0&0&41027

Heinz Schulte begrüßt uns mit einem deftigen Frühstück an der ersten Station der Mühlenrundfahrt. Das am Vortag selbst gebackene Brot ist etwas Besonderes: Das Mehl stammt aus der Naturkost-Mühle Wintering in Börger.  Gerne erinnert sich Heinz Schulte an seinen Lehrgang als Freiwilliger Müller und die Hahnentanger Mühle: Er war 1997 einer der ersten zertifizierten Freiwilligen Müller, unter anderem zusammen mit den vier Wichers-Mädels aus Stapelmoor.  Die Wippinger Mühle, ein Durchfahrtholländer als Sonderform des Galerieholländers, ist heute als Ensemble vielbesuchter Mittelpunkt des Ortsbildes. Das ist maßgeblich den unermüdlichen Bemühungen des Kreisheimatvereins Aschendorf-Hümmling und des 1992 gegründeten Heimatvereins Wippingen zu verdanken. 115.000 Euro wurden aus verschiedenen Quellen zusammengekratzt, bis die Mühle im März 2011 erstmals wieder Korn mahlen konnte. Gibt es noch Wünsche? “Wir hätten gern noch eine Remise mit Werkstatt als Tagungs- und Aufenthaltsraum für die Vereine”, sagt Heinz Schulte. Die Idee, eine historische Schmiede aufzubauen, wurde wieder aufgegeben: “Durch die technischen Vorschriften ginge das Ursprüngliche verloren.” An jedem ersten Sonntag im Monat von Mai bis Oktober gibts in der Mühle Kaffee und Kuchen. Als wir uns verabschieden und umgeräumt werden muss, weil kurz vor Mittag eine standesamtliche Trauung in der Mühle stattfindet, wird Heinz Schulte noch einmal ernst: “Für Sport und Oldtimer finden sich immer Begeisterte. Um den Erhalt der Mühle müssen wir ständig bangen.”

Station 2: Hüvener Mühle
Infos zur Mühle mit Öffnungszeiten: http://www.huevener-muehle.de/home
Flug um die Hüvener Mühle mit Octocopter zum Dt. Mühlentag 2017 mit drehendem Wasserrad: https://www.youtube.com/watch?v=VZzeUmPEjVo (Länge zehn Minuten)

Unser Besuch beginnt mit einem Einführungsfilm in Infozentrum neben der Mühle. Die Hüvener Mühle ist eine der letzten komplett erhaltenen kombinierten Wind- und Wassermühlen Europas. Im Juni 1852 wurde so erstmals gemahlen. Der damalige Müllermeister hatte auf die vorhandene Wassermühle einfach einen Galerieholländer aufsetzen lassen. Er mahlte das Getreide mithilfe der Wasserkraft des Flüsschens Radde und schaltete bei Bedarf die Windkraft durch eine Kupplung zu. Als 1950 das Stauwehr nicht mehr funktionstüchtig war, wurde der Mahlbetrieb eingestellt. Nach einer Sanierung in den 1950er Jahren wurde zu Beginn des neuen Jahrtausends erneut eine Sanierung notwendig. Die war innerhalb der Dorfgemeinschaft umstritten, nicht wenige plädierten für einen Abriss. Mühlenfreunde sammelten über eine Million Euro, und seit 2006 wird wieder gemahlen. Insgesamt neun Müller betreuen heute die Mühle. Nachwuchssorgen gibt es bei den aktiven Mühlenfreunden in Hüven nicht, Schüler betreuen von März bis Oktober den Tresen im Infozentrum.

Sorry, liebe Hüvener Müller: Für einen gestandenen Zwei-Meter-Mann ist euer Schätzchen einfach zu eng gebaut. So komme ich auf der Bank vor der Mühle mit Günther ins Gespräch. Der kam vor 20 Jahren mit seiner Frau aus Berlin hierher und wußte nichts von Mühlen. Inzwischen hat er mit 82 Jahren fast jeden Handgriff in der Mühle ausgeführt und säubert außerdem mit seiner “Rentnergang” jeden Mittwoch Friedhof und Kirchplatz in Hüven. Seine Frau kümmert sich um den Brotverkauf an den Backtagen. Darauf einen Hüvener Mühlentropfen!

Station 3: Wasser- und Ölmühle Lage
Infos zur Mühle: https://www.neuenhaus.de/staticsite/staticsite.php?menuid=88&topmenu=11#
Video: https://www.youtube.com/watch?v=kAVkzC1fDHU

Die Chronik der Mühle in Lage gleicht der vieler anderer Mühlen: Eine jahrhundertelange Geschichte, dann stillgelegt. Schließlich bemühen sich Mühlenfreunde um einen Erhalt, sammeln Gelder ein und pflegen den Erhalt ehrenamtlich. In Lage war die Ölmühle bis nach dem Ersten Weltkrieg, die Kornmühle bis zum Tod des letzten Müllers 1957 in Betrieb.

Lage gehört zur Grafschaft Bentheim und ist zu großen Teilen seit Jahrhunderten in niederländischem Besitz. Das trifft auch auf das Ensemble von Burgruine, Herrenhaus, Wassermühle, ehemaligem Müllerhaus und den Landarbeiterhäusern an der Eichenallee zu. Letzte Eigentümerin war Baronin Marie van Heeckeren van Wassenaar, die 1977 im Alter von 96 Jahren auf Schloß Twickel in der Provinz Overijssel verstarb. Ihr Besitz ging auf die Stiftung (Stichting) Twickel über. Für die Freiwilligen Müller in Lage ist diese Verbindung von Vorteil: Notwendige Reparaturen und Instandsetzungen werden bei der Stichting angemeldet und von dort ausgeführt. Den Nachteil der Nähe zu den Niederlanden konnten wir vor Ort erleben: Seit Ende Mai gibt es kein Wasser mehr. Auch die kräftigen Niederschläge der letzten Tage kamen in Lage nicht an: Die Nachbarn machten einfach die Schotten dicht, während ihre eigenen Flussarme überliefen. So blieb den Freiwilligen Müllern auf Reisen das Schauspiel des Ölschlagens verwehrt, das Wasserrad zum Antrieb des Hammers und für den Kollergang stand still.

Station 4: Windmühle Uelsen
Infos zur Mühle: http://www.uelsen.de/staticsite/staticsite.php?menuid=73&topmenu=5
Video: http://sk-fotostyle.de/videos/Menschen/Neue_Videos/Muehle.play

Zwei Mühlenfreunde aus Uelsen baten uns in der Lager Mühle, ob wir ihre “unfertige” Mühle in Uelsen einmal ansehen und uns dort austauschen könnten. So kam auf der Reise noch eine vierte Station hinzu.

Die Windmühle Uelsen steht als Turmholländer auf einem Erdwall mit Blick auf den Kirchhof (was bei Mühlen nicht selten ist). Die Kappe mit (unbesegelten) Flügeln ist aufgesetzt, Achse und König sind montiert. Es fehlen noch Achsrad, Korbrad, Bunkler, Stochennest und der Mahlgang. Müllermeister Jan Eiklenborg, Dozent des Ausbildungslehrgangs der Freiwilligen Müller, lobte die bisherige Arbeit zum Erhalt der Mühle und bot seine Zusammenarbeit an.

Vielen Dank an alle Mühlenfreunde, bei denen wir auf unserer Reise zu Gast sein durften. 

Glück zu!

Eingetaucht: Besuch auf dem Stammhof meiner Familie

Gestern habe ich für eine Stunde das Rad der Familiengeschichte für mehr als 600 Jahre zurückgedreht. In Bad Zwischenahner Ortsteil Halfstede an der Wiefelsteder Straße steht der Stammhof der Familie Oeltjen. Doch was hat Oeltjen mit Plaisier zu tun?

Es gibt eine Legende um den Namen Plaisier. Sie besagt, dass der Ursprung bei hugenottischen Glaubensflüchtlingen liegt, die nach dem schrecklichen Massaker der Bartholomäusnacht am 24. August 1572 in Deutschland Schutz fanden und sich in Ostfriesland ansiedelten. Zugegeben, eine schöne Legende, die ich aber im Laufe meiner Familienfoschung zerstören musste. Es deuten keine Spuren in Richtung Frankreich – und doch hat der Name Plaisier etwas mit Frankreich zu tun.

Ostfriesland und die Niederlande litten zu Beginn des 19. Jahrhunderts unter der französischen Besatzungsmacht. Mit kaiserlichem Dekret vom 18. August 1811 verfügte Napoleon für diese Gebiete, dass alle Untertanen, die noch nicht über einen Familiennamen und einen festen Vornamen verfügten, innerhalb eines Jahres an ihrem Wohnort eine entsprechende Erklärung abgeben sollten.

Die Einwohner Ostfrieslands wiedersetzten sich dem kaiserlichen Willen auf ihre Art: Sie wählten nicht den seit Generationen gebräuchlichen Zweitnamen, sondern entschieden sich vielfach für lächerliche Namen oder Fantasienamen. So nannten sich Einwohner im Amt Stickhausen beispielsweise Nett, Hübsch, Liebe oder Snuitje (Schnäuzchen).

“Namensgeber” des Familiennamens Plaisier ist Johann Oeltjen, geb. am 2. April 1778 in Elmendorf (jetzt Bad Zwischenahn). Dies ist belegt durch den Taufeintrag seines Sohnes Johan Garrelts Oeltien vom 6. Dezember 1799 in Detern. Der Eintrag trägt den Zusatz “später Plaisier”.

Wie es gerade zu den Namen Plaisier gekommen ist, lässt sich nur vermuten. Wahrscheinlich entspringt auch diese Namenswahl der Verärgerung über das Namensdekret, zumal ja bereits mit Oeltien ein fester Familienname bestand; etwa dergestalt: Es ist uns eine große Freude = plesär, plaisi(e)r, dass die Franzosen unsere Besatzer sind.

Die Liste der von Napoleon verfügten Namensannahmen ist vom Amt Stickhausen nicht mehr erhalten. Es existiert aber noch die Liste, in der die Namensannahmen bestätigt werden. Sie stammt aus dem Jahr 1857. Hier bestätigt Wilhelm Plaisier, geb. 16. August 1812, den angenommenen Familiennamen Plaisier. Der Namensgeber, sein Vater Johann Oeltien, war bereits 1833 verstorben.

Der Name Oeltjen kommt im Nordwesten Deutschlands in verschiedenen Schreibweisen vor: Olteke, Oeltien, Öltjen. Die älteste bekannte Urkunde datiert vom 17. März 1423. Hierin bezeugt Graf Dietrich von Oldenburg eine Stiftung, darunter eine Mark aus dem Gut des Frederic Mule in Hallerstede, das bewohnt wurde von dem Meier Olteke und seiner Frau Gheseke. Genau diese Hofstelle habe ich besucht, denn Hallerstede heißt heute Halfstede.

Der älteste bekannte Vorfahr der Ahnenreihe Oltien/Plaisier ist Carsten Oltken, geb. um 1639. Er heirate 1673 in Rastede, siedelte sich aber im Kirchspiel Zwischenahn an. Er und seine Nachkommen waren Heuerleute in den Bauerndörfern am Ufer des Zwischenahner Meeres, in Aschhausen, Aschhauserfeld, Helle, Langebrügge, Elmendorf und Rostrup. Woher Carsten kam, ist in den Kichenbüchern nicht nachvollziehbar. Dass er direkt mit dem Stammhof in Halfstede zusammenhängt, ist unwahrscheinlich, da dort der Vorname Carsten nicht vorkam. Gesichert ist eine Herkunft aus Halfstede zwei Generationen später durch Gesche, Ehefrau des Heuermanns Carsten Oeltjen, geb. 1709 in Aschhauserfeld. Ihr Vater Lüder Oeltjen wurde 1663 auf dem Stammhof geboren.

“Johann Oltken Anno 1695” weist der Balken über dem großen Eingangstor aus. Einige der Balken in der Scheune sind noch aus dem Originalbaujahr erhalten. Im Spieker, der langsam zerfällt, ist an einem Balken das Jahr 1763 eingeritzt.

Es ist ein besonderes Erlebnis, diese Wurzeln noch sehen zu können. Ich bin dafür sehr dankbar.

Zur ostfriesischen Namensgebung:
www.kulturportalweserems.de/index.php/kulturelleserbeostfriesland/113-ostfrkemenschen/2765-ostfrieslands-aeltestes-kulturgut-namen-und-namengebung-2
Zu den Oeltjes aus Halfstede:
www.familienkunde-oldenburg.de/wp-content/uploads/of/of_39_1-2.pdf

Alle Fotos: Detlef M. Plaisier