Hallo, Gabriele Krone-Schmalz: „Der Westen nimmt die Signale Russlands nicht wahr“

Sie könnte problemlos große Hallen füllen wie Mario Barth. Was sie zu sagen hat, ist weit entfernt von Comedy. Gabriele Krone-Schmalz redet über Russland, ihr geliebtes Land, das sie im Herzen trägt. Und ja, ich mag sie. Nicht, weil ich ihrer Sichtweise in allen Facetten zustimme. Was ich schätze, ist ihre wohltuend differenzierte Analyse weitab von Pauschalierungen und Bashing. Nicht alle Zuhörer, die in acht Reihen vor dem Blauen Sofa stehen, sehen das so.

Leipziger Buchmesse 12. März 2015. Foto Detlef M. Plaisier (36)Russland sei mehr als ein geographischer Begriff, sagt Gabriele Krone-Schmalz. Russland müsse man empfinden, und das gelte auch jenseits des Urals. Das Verhältnis Russlands zur Ukraine sei immer speziell gewesen. „Brudervolk“ habe da einen ganz besonderen Klang. Das erfordere dann natürlich auch besonderes Finderspitzengefühl bei politischen Entscheidungen. Den Menschen in der Ukraine wäre viel erspart geblieben, so Krone-Schmalz, hätte der Westen nicht auf eine Entscheidung zur Blockzugehörigkeit gedrängt. So sei eine Vorbildfunktion der Ukraine als Brücke zwischen Ost und West abgewürgt worden.

„Russland verstehen“ heißt der neue Titel von Gabriele Krone-Schmalz. „Ich kann nicht verstehen, warum die Mehrheit der veröffentlichten Meinung eine semantische Umwidmung des Begriffes vornimmt.“ Verstehen bedeute doch nicht automatisch auch Verständnis und damit Zustimmung für ein Handeln, sondern zunächst das Bestreben, den Gegenstand an sich zu erfassen. Nur dann könne man intelligent und angemessen handeln. Genau das sei die Grundaufgabe von Journalisten in einer Demokratie: Wer wählen dürfe, müsse auch wissen, worüber er abstimmt. Die Streitkultur in Deutschland, so beklagt Gabriele Krone-Schmalz, habe während der jüngsten Diskussion um Russland und die Ukraine arg gelitten. „Mit Propaganda kann man in allen Ländern gut umgehen. Ich wünsche mir eine zivilisiertere Diskussion in Deutschland, ohne pauschale Propagandakeule.“

Quelle: www.chbeck.de
Quelle: www.chbeck.de

Krone-Schmalz wirbt in aufgeheizten Zeiten um Verständnis. „Und selbst wenn die Gefahr besteht, dass ich mit meiner Meinung vor einen falschen Karren gespannt werde, so werde ich aus Angst doch nicht schweigen.“ Staatsmann Putin oder Teufel Putin? „Genau dieses Denken will ich nicht. Jeder Politiker ist machtorientiert, überall.“ In der ersten Amtszeit Putins seien viele Signale von Russland aus gesendet worden, die der Westen nicht wahrgenommen habe.“ So haben viele Russen jetzt den Eindruck, der Westen wolle sie einfach nicht. „Feindbilder sind verdammt langlebig“, warnt die Russlandkennerin. „Und alle wollen doch Frieden“.

Ob sie Angela Merkel einen Rat für ihren nächsten Besuch bei Putin geben wolle? Gabriele Krone-Schmalz souverän: „Sie können sicher sein, dass ich das hier nicht sage.“

Ein Besucher vor mir schüttelt mehrfach den Kopf. Ich frage ihn, warum. Es habe nach dem Zusammenbruch der UdSSR sehr wohl viele Versuche gegeben, Russland in den westlichen Einflussbereich einzubinden. Russland habe sich jedoch dagegen gesperrt, weil es die Rolle als gleichberechtigter Partner nicht akzeptieren wollte und dem Land eine Führungsrolle vom Westen abgeschlagen wurde.

Foto Gabriele Krone-Schmalz: Detlef M. Plaisier

Die Ukraine auf der Leipziger Buchmesse 2014: Mit den Gedanken in der Heimat

Olga Filipova am Stand der Ukraine. Foto: Detlef M. Plaisier
Olga Filipova am Stand der Ukraine. Foto: Detlef M. Plaisier

Ich komme mehrmals am Stand der Ukraine vorbei. Immer stehen dort Menschen und diskutieren. Nur wenige nehmen ein Buch zur Hand. „Wir haben mehr Besucher als in den vergangenen Jahren“, bestätigt mir Olga Filipova. Am Stand hängt ein zwei große Bögen Papier, auf denen Besucher ihre Wünsche für die Menschen in der Ukraine notieren können. „Durchhalten und die Faschisten loswerden!“ steht da, „Unrecht bleibt nicht“ oder ganz schlicht „Frieden!“. Olga Filipova sagt mir, die Leipziger Wünsche für die Ukraine sollen später in Lviv oder Kiev ausgestellt werden. Heute, am Tag des Referendums auf der Krim, sind ihre Gedanken in der Heimat: „Wir verfolgen immer die Nachrichten, und am liebsten wäre ich dort.“

Nachtrag: Am Ende der Messe haben 500 Besucher ihre Botschaften hinterlassen. Sie wurden in Deutsch, Englisch, Georgisch, Armenisch, Belorussisch und Russisch geschrieben.

Infiziert!

In der vergangenen Nacht habe ist erstmals von der Buchmesse geträumt. Ich war am Stand der Ukraine und fragte nach den neuesten Ereignissen. Bei der Schweiz gab es eine deftige Brotzeit. Und Thilo Sarrazin erklärte mir, warum er um keinen Preis Deutschland verlassen will.

Und was, liebe Leser, träumen Sie?

Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse 2012: Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus

Im Westen nichts Neues? Aber im Osten: Der Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse 2012 steht fest. Mit dem Motto „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“ folgt die Leipziger Buchmesse weiter ihrer generellen Zielstellung, neue, interessante Autoren aus der Region Mittel- und Osteuropa einem breiteren Publikum vorzustellen und ihre Veröffentlichung bei deutschsprachigen Verlagen zu fördern.

Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus ist für deutschsprachige Leser weitestgehend unbekannt. Dagegen ist deutsche Sprache und Literatur in allen drei Ländern populär. Leser sind in dieser Region über die literarische Entwicklung in Deutschland gut informiert. In Deutschland weiß die Mehrheit von Lesern, aber auch von Kritikern und Autoren kaum etwas über die Kultur an der Ostgrenze der EU. Ausnahme: Polnische Autoren waren schon vor 1989 mit ihren Werken in Deutschland vertreten.

„tranzyt“ ist ein Projekt der Leipziger Buchmesse, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Kooperation mit der Rinat Ahmetov Stiftung „Rozvytok Ukrajiny“, der Allianz Kulturstiftung, dem Lemberger Verlegerforum und dem Polnischen Institut in Leipzig. Kurator des Projektes ist der Autor, Übersetzer und Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2011 Martin Pollack. Er war unter anderem Korrespondent des Spiegel in Warschau. Pollack gilt als exzellenter Übersetzer aus dem Polnischen und Agent zwischen osteuropäischen Autoren und deutschen Verlagen.