Rezension: Manuel Möglich, Deutschland überall – Eine Suche auf fünf Kontinenten

Der Journalist Manuel Möglich ist bisher vor allem als Fernsehreporter bekannt. Seine Sendung „Wild Germany“ auf ZDFneo wurde 2011 für den Deutschen Fernsehpreis nominiert. Der 37-Jährige arbeitete nach seinem Studium der Medien- und Kulturwissenschaft auch als Radiojournalist bei 1LIVE und schrieb für Magazine wie Spex und VICE. Manuel Möglich lebt in Berlin.

Quelle: www.rowohlt.de
Quelle: www.rowohlt.de

Was ist deutsch? Was macht Deutschland und die Deutschen überhaupt aus? Dieser Tage durchaus heftig diskutierte und interessante Fragen. Umso spannender, dass Reporter Manuel Möglich Antworten darauf im Ausland sucht. Jedoch sei gleich zu Beginn gesagt: wirklich neue Einsichten über die deutsche Identität bekomme ich als Leser in diesem Buch nicht. Zumindest nicht abseits der altbekannten Klischees von Oktoberfest, Pünktlichkeit und Weißwurst. Die Schwarzwälder Kuckucksuhr prangt dazu auf dem Cover.

Gut, also kann man das Buch getrost im Regal stehen lassen? Mitnichten! Denn „Deutschland überall“ bietet zwar keine bahnbrechenden Erkenntnisse über das Bild der Deutschen im Ausland. Dafür darf der Leser den Autor auf eine spannende Reise begleiten: Tschechien, Samoa, Brasilien, Rumänien, USA und China. Jedem dieser Länder ist ein Kapitel gewidmet. In jedem findet sich ein geschichtlicher Exkurs, der erklärt, warum Manuel Möglich gerade an diesem Ort Spuren der deutschen Kultur sucht. Das mag für Experten eventuell überflüssig sein. Für jemanden mit durchschnittlichem Geschichtswissen bieten diese Exkurse jedoch viele neue Erkenntnisse über die deutsche Geschichte.

Das Besondere an diesem Buch ist die Art und Weise, wie Manuel Möglich mit seiner Rolle als Reporter umgeht: Er bezieht Position, reflektiert offen seine Erfahrungen. Wie soll er sich verhalten, wenn die 83-jährige Inge in Brasilien ungehemmt rassistische Parolen schwingt? Was passiert, wenn der Autor neugierig Rauschpfeffer ausprobiert? Die Reportage lebt von bizarren Erlebnissen und den spannenden Menschen, auf die Manuel Möglich trifft. Der Autor schildert auch Situationen, in denen er sich unwohl fühlt, in denen er gefrustet ist, dass nicht so richtig etwas passiert. Diese subjektive Perspektive kennt man bereits aus TV-Sendungen wie „Wild Germany“. Sie funktioniert jedoch auch wunderbar in diesem Buch. Weil er gnadenlos ehrlich ist, ohne Selbstdarstellung und Floskeln einfach erzählt, was ihm passiert und wer ihm begegnet. Dazu kommt ein sehr lockerer Schreibstil, der zugegeben nicht für jeden zugänglich ist.

Typisch deutsch? Beleuchtetes Haus zu Weihnachten in Ostfriesland. Quelle: Archiv Detlef M. Plaisier
Typisch deutsch? Beleuchtetes Haus zu Weihnachten in Ostfriesland. Quelle: Archiv Detlef M. Plaisier

Hervorzuheben ist außerdem der sensible Umgang des Autors mit dem Thema Nationalismus. Er trifft auf seinen Reisen oft Personen mit fragwürdigen und sehr antiquierten Einstellungen. Das verurteilt er aber nicht per se, sondern fragt nach dem Ursprung dieser Ansichten. Er selbst reflektiert seine Rolle als „Deutscher“ fortlaufend: wie unangenehm es manchmal ist, sich mit seiner Herkunft zu „outen“ oder wie wenig er mit dem Gefühl des Nationalstolzes anfangen kann. Sehr spannende und aktuelle Fragen, die der Reporter dem Leser in diesem Buch mit auf den Weg gibt.

Mein Fazit: Schade, dass dieses Buch so stark mit der Suche nach der deutschen Identität beworben wird. Ein „gänzlich neues Bild von uns Deutschen“ wird dem Leser definitiv nicht gezeichnet. Löst man sich von dieser Erwartungshaltung, ist „Deutschland überall“ eine sehr lebendige Reisereportage, die interessante Hintergründe und Sichtweisen bietet. Macht definitiv Lust, den Koffer zu packen und selbst an verrückte Orte zu fliegen!

Manuel Möglich, Deutschland überall – Eine Suche auf fünf Kontinenten
Rowohlt Berlin, 2015
Online bestellen: https://www.buchhandel.de/buch/Deutschland-ueberall-9783871342004
Autorin der Rezension: Franziska Schmidt