COMPACT auf der Leipziger Buchmesse: Der Versuch, Menschenhetze weichzuspülen

Fotos (2): Detlef M. PlaisierDer Stand des COMPACT-Magazins in Halle 5 war nicht zu übersehen. Die Größe bis zur Decke lockte viele jüngere Leute an. Am Stand selbst habe ich eine bedrohliche Atmosphäre verspürt: Vor und hinter dem Tresen waren Security-Kräfte verteilt, die vereinzelt verbal und körperlich nicht zimperlich waren. Kritische Besucher am Stand, die versuchten, in eine Diskussion einzutreten, wurden mehrfach unter körperlicher Bedrängung zum Weitergehen aufgefordert. Mein Versuch, die beiden Spendenboxen am Stand zu fotografieren, wurde massiv behindert. Ein anderer Pressevertreter berichtete mir, er sei während der Fotoaufnahmen gefilmt worden.    

DSC08679
Fotos (2): Detlef M. Plaisier

Die COMPACT-Dialektik aus Magazin und sozialen Medien wurde in den Gesprächen seitens der Standmitarbeiter strikt vermieden. Keine Merkeldiktatur, keine Lügenpresse, kein Politikerpack. Ob Jürgen Elsässer da ähnlich zurückhaltend geblieben wäre? Er hatte wegen „eines schweren Krankheitsfalls in der Familie“ kurzfristig seine Anwesenheit in Leipzig abgesagt. Deutlicher wurde Martin Müller-Mertens, Chef vom Dienst des COMPACT-Magazins, bei der Vorstellung des COMPACT Spezial Nummer 9 „Zensur in der BRD“. Da werden Eva Hermann, Jürgen Elsässer, Elmar Hörig, Ken Jebsen und Akif Pirincci zu „Schicksalen und Opfern der Meinungszensur“; derselbe Elmar Hörig, der nach den Anschlägen auf dem Brüsseler Flughafen am 22. März twitterte (41 Likes, 8x geteilt)

„Musste es unbedingt der Brüsseler Flughafen sein ? Europaparlament hätte voll und ganz gereicht ihr kranken Arschlöcher

Zensur, so MMM, werde aktuell in Deutschland durch „öffentliche Hinrichtung“ betrieben. „Mißliebige Autoren“ würden durch Medienkampagnen „fertiggemacht“, es gebe Rufmord und Bedrohungen. Philosoph Peter Feist, Gesprächspartner von MMM, erläuterte das COMPACT-Motto „Mut zur Wahrheit“: „Die Wahrheit ist das Ganze, und COMPACT steht für den Teil der Wirklichkeit, der normalerweise weggelassen wird.“ Auch hier: Keine Merkeldiktatur, keine Lügenpresse, kein Politikerpack. Peinlich wurde es, als MMM aus dem Publikum aufgefordert wurde, die umstrittene „KZ-Äußerung“ von Akif Pirincci zu zitieren, wobei er sich wand und kläglich versagte.

Die vier Tage auf der Leipziger Buchmesse kommentierte MMM auf der COMPACT-Internetseite direkt am Tag danach, und da gab es keine Zurückhaltung mehr:

„Eine erwartete Provokation war unser Messestand dagegen für Feinde von Demokratie und Pressefreiheit, die sich leider auch in Leipzig breitmachen konnten…  Natürlich ließ sich COMPACT von der sich links nennenden Neo-SA nicht einschüchtern. Dennoch war und sind wir entsetzt, welches Klima der Angst und Einschüchterung Antidemokraten in Leipzig offenbar vorschwebt.“

Zu weiteren Eindrücken rund um COMPACT möchte ich auf die Kollegen von SPIEGEL ONLINE verweisen.

COMPACT-Magazin auf der Buchmesse: „Da haben wir keine Wahl“

Cb5Yj05UAAARZ-2UPDATE 09. März 2016: In einem Offenen Brief haben sich zwischenzeitlich verschiedene Organisationen und Politiker dafür ausgesprochen, „Compact“ von der Buchmesse auszuladen. Seit seiner Gründung vor fünf Jahren verbreite das Magazin „völkisch-nationalistische, verschwörungsideologische und homophobe Hetze“, heißt es in dem Schreiben. Unterzeichnet haben unter anderem das Aktionsnetzwerk „Leipzig nimmt Platz“, die Kulturfabrik Werk 2, der Verein Rosa Linde, die Politiker Monika Lazar (Bündnis 90/Grüne), Juliane Nagel (Linke), Katharina Schenk (SPD) und der ehemalige Thomaskirchen-Pfarrer a.D. Christian Wolff. Auch wenn es keine rechtliche Handhabe gibt, halte ich dies für ein wichtiges Signal und habe den Aufruf mit unterzeichnet. Der volle Wortlaut steht unter www.nocompact.de

Im Untertitel nennt es sich „Magazin für Souveränität“. Die Auflage stieg nach eigenen Angaben in den letzten 12 Monaten von 33.000 auf 80.000 Exemplare, und allein im Jahr 2016 wurden über 2.000 neue Abonnenten gewonnen. Die Rede ist vom COMPACT-Magazin, dem „erfolgreichsten Monatsmagazin der letzten Jahre“ (Selbstdarstellung). Dahinter steht mit Jürgen Elsässer als Chefredakteur einer der schärfsten Kritiker der „Diktatur Merkel“. Die Urteile über Elsässer sind breit gefächert: Sie reichen von Bewunderung für seinen scharfen Intellekt bis zur Verehrung für das Festhalten an deutsch-konservativen Tugenden. Andere führen Elsässers Nähe zu Pegida-Führer Lutz Bachmann und zur AfD sowie seinen Auftritt bei der Leipziger LEGIDA-Kundgebung vom Januar 2015 ins Feld. Zu den Geschehnissen in der Kölner Silvesternacht twitterte Elsässer: „Merkels Invasoren machen Jagd auf Frauen“.  Elsässer polarisiert, und er taugt zum Feindbild, nicht nur, wenn er wie in Leipzig behauptet: „Mein Herz schlägt heute noch links“. COMPACT berichtet am 23. februar 2016, dass Elsässers privates Umfeld ausgespäht worden sei. Seine Wohnung, so COMPACT, wurde überwacht und anschließend von Personen belagert, „die nicht in friedlicher Absicht gekommen waren“. Dies sei allerdings kein Grund zur Sorge: „Dazu ist seine COMPACT-Security zu stark.“

Auf der Leipziger Buchmesse 2016 wird das COMPACT-Magazin wieder mit einem Stand vertreten sein, „noch größer“, wie compact-online stolz verkündet. Es sind zwei Veranstaltungen vorgesehen, beide mit Beginn um 17 Uhr, was die Vermutung nahelegt, dass so die Aufmerksamkeit potentieller politischer Gegner reduziert werden soll. Ich habe Julia Lücke, Pressesprecherin der Leipziger Buchmesse, gefragt, warum die Leipziger Messe dem COMPACT-Magazin eine Plattform bietet. Die Antwort ist eindeutig und für mich ernüchternd:

„Wir haben ein Warenverzeichnis. Wer dem entspricht und nicht verfassungsfeindlich auftritt, der muss als Aussteller zugelassen werden. Da haben wir keine Wahl.“

Quelle: www.bpd.de
Quelle: www.bpd.de

Ich lese nach. In den Anmeldeunterlagen für die LBM heißt es:

„Der Veranstalter führt keinerlei Zensur durch. Unzulässig ist die Ausstellung solcher Werke, deren Herstellung, Verbreitung und Einfuhr durch Gerichte der Bundesrepublik Deutschland verboten ist oder bei Vorliegen entsprechender ausländischer Gerichtsentscheidungen, wenn diese durch Gerichte der Bundesrepublik Deutschland für vollstreckbar erklärt sind. Für von der Ausstellung ausgeschlossene Werke darf auch nicht geworben werden…“

Eine politische Meinung zu äußern, so Julia Lücke weiter, sei natürlich über die ausgestellten Publikationen erlaubt. Nur wer auf dem Index stehe, dürfe nicht ausstellen. Dass Jürgen Elsässer in Leipzig auf der LEGIDA-Kundgebung als Privatmann aufgetreten sei, aber nicht als Vertreter des COMPACT-Magazins, mache rechtlich einen Unterschied aus. Im übrigen werde es während der Buchmessetage vereinzelte Sichtkontrollen an den Ständen der Aussteller geben, ob die ausgestellten Werke verfassungskonform seien.

Hallo, Gabriele Krone-Schmalz: „Der Westen nimmt die Signale Russlands nicht wahr“

Sie könnte problemlos große Hallen füllen wie Mario Barth. Was sie zu sagen hat, ist weit entfernt von Comedy. Gabriele Krone-Schmalz redet über Russland, ihr geliebtes Land, das sie im Herzen trägt. Und ja, ich mag sie. Nicht, weil ich ihrer Sichtweise in allen Facetten zustimme. Was ich schätze, ist ihre wohltuend differenzierte Analyse weitab von Pauschalierungen und Bashing. Nicht alle Zuhörer, die in acht Reihen vor dem Blauen Sofa stehen, sehen das so.

Leipziger Buchmesse 12. März 2015. Foto Detlef M. Plaisier (36)Russland sei mehr als ein geographischer Begriff, sagt Gabriele Krone-Schmalz. Russland müsse man empfinden, und das gelte auch jenseits des Urals. Das Verhältnis Russlands zur Ukraine sei immer speziell gewesen. „Brudervolk“ habe da einen ganz besonderen Klang. Das erfordere dann natürlich auch besonderes Finderspitzengefühl bei politischen Entscheidungen. Den Menschen in der Ukraine wäre viel erspart geblieben, so Krone-Schmalz, hätte der Westen nicht auf eine Entscheidung zur Blockzugehörigkeit gedrängt. So sei eine Vorbildfunktion der Ukraine als Brücke zwischen Ost und West abgewürgt worden.

„Russland verstehen“ heißt der neue Titel von Gabriele Krone-Schmalz. „Ich kann nicht verstehen, warum die Mehrheit der veröffentlichten Meinung eine semantische Umwidmung des Begriffes vornimmt.“ Verstehen bedeute doch nicht automatisch auch Verständnis und damit Zustimmung für ein Handeln, sondern zunächst das Bestreben, den Gegenstand an sich zu erfassen. Nur dann könne man intelligent und angemessen handeln. Genau das sei die Grundaufgabe von Journalisten in einer Demokratie: Wer wählen dürfe, müsse auch wissen, worüber er abstimmt. Die Streitkultur in Deutschland, so beklagt Gabriele Krone-Schmalz, habe während der jüngsten Diskussion um Russland und die Ukraine arg gelitten. „Mit Propaganda kann man in allen Ländern gut umgehen. Ich wünsche mir eine zivilisiertere Diskussion in Deutschland, ohne pauschale Propagandakeule.“

Quelle: www.chbeck.de
Quelle: www.chbeck.de

Krone-Schmalz wirbt in aufgeheizten Zeiten um Verständnis. „Und selbst wenn die Gefahr besteht, dass ich mit meiner Meinung vor einen falschen Karren gespannt werde, so werde ich aus Angst doch nicht schweigen.“ Staatsmann Putin oder Teufel Putin? „Genau dieses Denken will ich nicht. Jeder Politiker ist machtorientiert, überall.“ In der ersten Amtszeit Putins seien viele Signale von Russland aus gesendet worden, die der Westen nicht wahrgenommen habe.“ So haben viele Russen jetzt den Eindruck, der Westen wolle sie einfach nicht. „Feindbilder sind verdammt langlebig“, warnt die Russlandkennerin. „Und alle wollen doch Frieden“.

Ob sie Angela Merkel einen Rat für ihren nächsten Besuch bei Putin geben wolle? Gabriele Krone-Schmalz souverän: „Sie können sicher sein, dass ich das hier nicht sage.“

Ein Besucher vor mir schüttelt mehrfach den Kopf. Ich frage ihn, warum. Es habe nach dem Zusammenbruch der UdSSR sehr wohl viele Versuche gegeben, Russland in den westlichen Einflussbereich einzubinden. Russland habe sich jedoch dagegen gesperrt, weil es die Rolle als gleichberechtigter Partner nicht akzeptieren wollte und dem Land eine Führungsrolle vom Westen abgeschlagen wurde.

Foto Gabriele Krone-Schmalz: Detlef M. Plaisier