Rezension: Sabine Gruber, Daldossi oder das Leben des Augenblicks

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Wir alle konsumieren sie jeden Tag, ob wir wollen oder nicht: Bilder aus den Krisenregionen der Welt, aus Kriegsgebieten, Hungerregionen oder Flüchtlingslagern, im Fernsehen, in den Printmedien oder im Netz. Doch wer sind eigentlich die Menschen, die sie uns liefern, die nicht selten ihr Leben dabei verlieren? Wie können sie mit dem alltäglichen Grauen umgehen? Wie entscheiden sie, wann sie auf den Auslöser drücken und wann nicht?

Alle diese Fragen wirft Sabine Gruber in ihrem Roman Daldossi oder Das Leben des Augenblicks auf, doch leider kommt die Frage der Ethik der Fotografie, die für mich die spannendste gewesen wäre, deutlich zu kurz. Hauptsächlich geht es in diesem zweifellos sehr gut recherchierten Buch um den Kriegsfotografen Bruno Daldossi, Südtiroler und in Wien lebend, schwerer Alkoholiker, ein Mann um die 60, der nach Einsätzen in Tschetschenien, im Irak, in Serbien, in Afghanistan und überall, „wo es Tote gab“, von seinem Magazin im Zuge des Personalabbaus in Frührente geschickt wurde. Aber taugt ein Mensch mit seinen „Kriegserfahrungen“, dessen Tote „viele Friedhöfe füllen“, noch zum Leben im Frieden? Gerade jetzt hat ihn seine Lebenspartnerin Marlis verlassen, die 15 Jahre lang immer in Angst auf ihn gewartet hat, die es aber nicht mehr ertragen konnte, dass ein immer größerer Teil von ihm an den Schreckensorten zurückblieb. Daldossi kann sich trotz seiner unzähligen Affären, die er als Form der Selbstrettung betrachtet, ein Leben ohne Marlis nicht vorstellen, denn sie ist seine „Dauerdeckung“ und seine Orientierung. Doch Marlis lehnt seine Friedensmission, zu der er ihr eigens nach Venedig nachreist, ab, eine für mich gut nachvollziehbare Form von Selbstschutz.

Daldossi oder Das Leben des Augenblicks war für mich eine eher mühsame Lektüre, nicht so sehr wegen der sehr herben Sprache, die zum Inhalt passt, auch nicht wegen des unsympathischen Antihelden, sondern eher deshalb, weil ich das Buch als sehr „absichtsvollen“, sehr konstruierten Text und weniger als Literatur empfunden habe. Gut gefallen hat mir dagegen, wie Sabine Gruber Bildbeschreibungen zu Fotografien Daldossis in den Text einstreut und den nicht in Kapitel unterteilten Romanfluss damit immer wieder gekonnt durchbricht. Dass Daldossi sich am Ende dazu aufrafft, hinter der Linse hervorzutreten und erstmals selber in ein Geschehen einzugreifen, war für mich der einzige Hoffnungsschimmer in einem ansonsten niederdrückenden Buch.

Was bleibt für mich nach der Lektüre dieses Romans? Mit Sicherheit werde ich die Bilddokumente aus Krisenregionen zukünftig anders wahrnehmen und auch die Menschen hinter den Objektiven dabei sehen. Sie riskieren mehr als nur ihr Leben, sie laufen Gefahr, ihre Befähigung für ein Leben im Frieden zu verlieren. Uns dies eindrücklich vor Augen zu führen, ist Sabine Gruber zweifellos geglückt.

Sabine Gruber, Daldossi oder das Leben des Augenblicks
C.H. Beck, 2016

Rezensentin: Barbara Busch / https://www.lovelybooks.de/mitglied/Barbara62/

Rezension: Larry Tremblay, Der Name meines Bruders

Angesichts der jüngsten Terroranschläge des IS in Paris hat Larry Tremblays Roman „Der Name meines Bruders“ eine erschreckende Aktualität: Der Autor zeigt auf, wie leicht sich Menschen verführen lassen, um Rache zu nehmen für ein echtes oder vermeintlich geschehenes Unrecht. Zugleich dokumentiert er, wie die Mechanismen der Manipulation von Menschen auch im 21. Jahrhundert bestens funktionieren.

Quelle: www.chbeck.de
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Die Handlung
Der Autor erzählt die Geschichte einer Familie, die sich an einem namenlosen Ort – die Beschreibungen lassen auf den Nahen oder Mittleren Osten schließen – im Krieg befindet. Die Großeltern der Zwillinge Amed und Aziz hatten ein Stück Wüste urbar gemacht und damit die Lebensgrundlage für die ganze Familie geschaffen. Eines Nachts zerstört eine Bombe den scheinbaren Frieden. Sie schlägt im Haus der Großeltern ein und tötet beide. Damit endet die Kindheit der Neunjährigen abrupt.

Einer der Zwillinge soll für den Tod seiner Großeltern Rache nehmen und – ausgestattet mit einem Sprengstoffgürtel – ein Selbstmordattentat im nahe gelegenen Munitionslager des Feindes verüben. Da Amed an einem Gehirntumor leidet und ohnehin sterben würde, wird Aziz ausgewählt, um Gott ein möglichst großes Opfer darzubringen. Weil die Mutter nicht beide Söhne verlieren möchte, heckt sie zusammen mit den Kindern einen Plan aus. Doch schließlich kommt alles ganz anders…

Wenn Menschen zu Werkzeugen werden
Larry Tremblay schildert in seinem einfühlsamen Werk, wie einfach es zu sein scheint, Menschen zu manipulieren und für falsche Zwecke zu missbrauchen. Damit gibt Tremblay wohl unvermutet auch einen Einblick in die Seelenwelt potenzieller Selbstmordattentäter und zeigt, dass diese auch nur Menschen mit Träumen und Ängsten sind und vielfach vielleicht einfach nur von falschen Propheten verführt wurden.

Der Autor verzichtet auf actionreiche Elemente und schildert eine Geschichte, wie sie sich in der Vergangenheit genauso zugetragen haben könnte und vermutlich auch zugetragen hat. Doch genau die Normalität im Angesicht des Terrors ist es auch, die mir als Leser zumindest Unbehagen bereitet. Erst recht, wenn sich die Geschichte zum Schluss auflöst und sich zeigt, dass ein geschickter Manipulator ausgereicht hat, um das Leben vieler Unschuldiger wegen einer Lüge zu zerstören.

Mein Fazit
Angesichts der Ereignisse in den vergangenen Jahren wurde „Der Name meines Bruders“ völlig zu Recht in Kanada zur Pflichtlektüre an den Schulen erhoben. Das Werk lässt in die Seele von Menschen blicken, die in der westlichen Welt schnell als Verbrecher abgestempelt werden, obwohl sie es vielleicht nicht sind. Angesichts der jüngsten Entwicklungen im Zuge der Flüchtlingsströme aus Syrien ist das zeitlos angelegte Werk erschreckend aktuell und bietet intellektuellen Zündstoff für Westeuropäer, die sich ernsthaft mit der Thematik auseinandersetzen wollen.

Larry Tremblay, Der Name meines Bruders. Aus dem Französischen von Angela Sanmann.
Verlag C.H. Beck, München 2015
Online bestellen: https://www.buchhandel.de/buch/Der-Name-meines-Bruders-9783406683411
Autor der Rezension: Harry Pfliegl

Hallo, Gabriele Krone-Schmalz: „Der Westen nimmt die Signale Russlands nicht wahr“

Sie könnte problemlos große Hallen füllen wie Mario Barth. Was sie zu sagen hat, ist weit entfernt von Comedy. Gabriele Krone-Schmalz redet über Russland, ihr geliebtes Land, das sie im Herzen trägt. Und ja, ich mag sie. Nicht, weil ich ihrer Sichtweise in allen Facetten zustimme. Was ich schätze, ist ihre wohltuend differenzierte Analyse weitab von Pauschalierungen und Bashing. Nicht alle Zuhörer, die in acht Reihen vor dem Blauen Sofa stehen, sehen das so.

Leipziger Buchmesse 12. März 2015. Foto Detlef M. Plaisier (36)Russland sei mehr als ein geographischer Begriff, sagt Gabriele Krone-Schmalz. Russland müsse man empfinden, und das gelte auch jenseits des Urals. Das Verhältnis Russlands zur Ukraine sei immer speziell gewesen. „Brudervolk“ habe da einen ganz besonderen Klang. Das erfordere dann natürlich auch besonderes Finderspitzengefühl bei politischen Entscheidungen. Den Menschen in der Ukraine wäre viel erspart geblieben, so Krone-Schmalz, hätte der Westen nicht auf eine Entscheidung zur Blockzugehörigkeit gedrängt. So sei eine Vorbildfunktion der Ukraine als Brücke zwischen Ost und West abgewürgt worden.

„Russland verstehen“ heißt der neue Titel von Gabriele Krone-Schmalz. „Ich kann nicht verstehen, warum die Mehrheit der veröffentlichten Meinung eine semantische Umwidmung des Begriffes vornimmt.“ Verstehen bedeute doch nicht automatisch auch Verständnis und damit Zustimmung für ein Handeln, sondern zunächst das Bestreben, den Gegenstand an sich zu erfassen. Nur dann könne man intelligent und angemessen handeln. Genau das sei die Grundaufgabe von Journalisten in einer Demokratie: Wer wählen dürfe, müsse auch wissen, worüber er abstimmt. Die Streitkultur in Deutschland, so beklagt Gabriele Krone-Schmalz, habe während der jüngsten Diskussion um Russland und die Ukraine arg gelitten. „Mit Propaganda kann man in allen Ländern gut umgehen. Ich wünsche mir eine zivilisiertere Diskussion in Deutschland, ohne pauschale Propagandakeule.“

Quelle: www.chbeck.de
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Krone-Schmalz wirbt in aufgeheizten Zeiten um Verständnis. „Und selbst wenn die Gefahr besteht, dass ich mit meiner Meinung vor einen falschen Karren gespannt werde, so werde ich aus Angst doch nicht schweigen.“ Staatsmann Putin oder Teufel Putin? „Genau dieses Denken will ich nicht. Jeder Politiker ist machtorientiert, überall.“ In der ersten Amtszeit Putins seien viele Signale von Russland aus gesendet worden, die der Westen nicht wahrgenommen habe.“ So haben viele Russen jetzt den Eindruck, der Westen wolle sie einfach nicht. „Feindbilder sind verdammt langlebig“, warnt die Russlandkennerin. „Und alle wollen doch Frieden“.

Ob sie Angela Merkel einen Rat für ihren nächsten Besuch bei Putin geben wolle? Gabriele Krone-Schmalz souverän: „Sie können sicher sein, dass ich das hier nicht sage.“

Ein Besucher vor mir schüttelt mehrfach den Kopf. Ich frage ihn, warum. Es habe nach dem Zusammenbruch der UdSSR sehr wohl viele Versuche gegeben, Russland in den westlichen Einflussbereich einzubinden. Russland habe sich jedoch dagegen gesperrt, weil es die Rolle als gleichberechtigter Partner nicht akzeptieren wollte und dem Land eine Führungsrolle vom Westen abgeschlagen wurde.

Foto Gabriele Krone-Schmalz: Detlef M. Plaisier