Reingelesen: Dasa Szekely, Das Schweigen der Männer

„Wir sind um so viel ärmer, als ihr seid. Wir suchen nicht, wir lassen uns bloß finden. Wenn wir euch leiden sehen, packt uns der Neid. Denn ihr dürft alles fühlen. Und wenn ihr trauert, drückt uns nur der Schuh. Ach, unsere Seelen sitzen wie auf Stühlen und sehn der Liebe zu.“ Nicht von Dasa Szekely, sondern von Erich Kästner. „Ein Mann gibt Auskunft“ heißt das Gedicht. Mit diesem Zitat will Dasa Szekely das Verhältnis zwischen Männern und Frauen auf den Punkt bringen.

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Der Inhalt
Dasa Szekely beschäftigt sich in ihrem Roman mit der (vermeintlichen) Krise des modernen Mannes. Sie arbeitet hauptberuflich als Coach für Männer und kann daher aus erster Hand berichten. Dasa Szekely versucht, das Schweigen „der“ Männer in zahlreichen Situationen zu beschreiben und zu erklären. Warum sitzen viele Männer Probleme nur aus? Warum werden aus scheinbar reifen Persönlichkeiten plötzlich verantwortungslose Nichtstuer? Und was lässt sich gegen den weiteren Absturz des starken Geschlechts unternehmen?

Gute Recherche, viele Wiederholungen
Obwohl die Autorin sehr genau recherchiert hat, um ihre Thesen zu untermauern, wirkt das Buch insgesamt oberflächlich. Der Grund: Dasa Szekeley pauschalisiert und steckt Männer in Schubladen. Dies wird vor allem im Kapitel über Trennungskinder klar, die unter den Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Vater leiden. Die fehlende Reife der Männer sei schuld, meint die Autorin.

Mein Fazit
Ein netter Zeitvertreib und Stoff zum Nachdenken, logisch strukturiert, doch mit zahlreichen inhaltlichen Wiederholungen. Größtes Manko: Während Ursachen ausführlich geschildert werden, kommen Lösungsansätze zu kurz.

Dasa Szekely, Das Schweigen der Männer
Blanvalet Verlag, 2016
Interview mit der Autorin: http://www.randomhouse.de/Interview-mit-Dasa-Szekely-zu-Das-Schweigen-der-Maenner/aid66636.rhd
Autor der Rezension: Harry Pfliegl

Meine Leseempfehlungen 2015: 12 Titel und ein Buch für Weihnachten

Genauer gesagt: Es sind Lesempfehlungen des Jahres 2015 von Autoren, die für meinen Blog rezensiert haben. Allen sage ich ein herzliches Dankeschön für die investierte Zeit und die ehrlichen, einfühlsamen Beurteilungen. Auch 2016 wünsche ich uns allen viel Lesevergnügen!

Hinweis: Die folgende Reihenfolge ist keine Rangfolge. Die Bildrechte der Cover liegen bei den Verlagen.

Mihailescu_GuterMannMittelfeld_P02DEF.inddTIPP 1: Andrei Mihailescu, Guter Mann im Mittelfeld (Hanser)
„Das Buch führt uns vor Augen, dass es keinen Grund gibt, als Europäer auf andere Erdteile herabzublicken. Ist es doch gar nicht so lange her, als vor unserer Haustür selbst Terror-Regime an der Macht waren. Eine unbedingte Leseempfehlung!“

TIPP 2: E. L. Doctorow, In Andrews Kopf (Kiepenheuer & Witsch)
„Ein Buch für alle, die mit schöner regelmäßigkeit an ihrem verstand zweifeln – und gerade deswegen in den Kopf anderer eintauchen möchten.“

TIPP 3: Vladimir Sorokin, Telluria (Kiepenheuer & Witsch)
„Wer bereit ist, sich auf radikale Stilwechsel einzulassen, sich nicht vor einer düsteren Zukunftsprognose fürchtet und Verständnis für die russische, oft etwas melancholische Seele hat, der wird Telluria lieben.“

TIPP 4: Ester Verhoef, Gegenlicht (btb)
„Selten habe ich ein so tief- und nahegehendes Psychogramm einer Persönlichkeit gelesen.“

TIPP 5: Tilman Strasser, Hasenmeister (Salis Verlag)
„Eine Empfehlung für all jene, die sich gern in die Abgründe der menschlichen Psyche versenken – und darin untergehen.“

Sedano Örtchen CoverTIPP 6: Nina Sedano, Happy End. Die stillen Örtchen dieser Welt (Eden Books)
„Klolektüre vom Feinsten und dennoch zu schade für einen Standort auf dem Abort.“

TIPP 7: Thomas Brussig, Das gibt’s in keinem Russenfilm (S. Fischer)
„Ein unbedingt empfehlenswertes, weil originelles Buch, mit selbstironischem Augenzwinkern und getragen von großer Fabulierkunst.“

TIPP 8: Bill Bryson, Sommer 1927 (Goldmann)
„Bill Bryson beweist, dass es einfach nur Spaß machen kann, sich mit historischen Themen und Zusammenhängen zu befassen.“

Cover HoneydewTIPP 9: Edith Pearlman, Honeydew (Ullstein)
„Edith Pearlmans Erzählungen sind eher Pralinés als Honigtau. Am besten genießt man sie auch so: Stück für Stück und nicht zu viele auf einmal.“

TIPP 10: Henriette Hell: Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt (Blanvalet)
„Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Frauen. Auch die Männer können hier noch Einiges lernen.“

TIPP 11: Christina Baker Kline, Der Zug der Waisen (Goldmann)
„Die tiefgründige Erzählung lebt von viel Gefühl, einer großzügigen Prise Humor und großem schriftstellerischem Talent.“

kumala-zigarettenmädchen-print240TIPP 12: Erik Lindner, Auf der Suche nach dem Nudossi-Äquator
„Ein Muss für jeden, der mit Halloren Kugeln, f6 oder Schwalbe schöne Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend in der DDR verbindet.“

BONUS: Ratih Kumala, Das Zigarettenmädchen (Cultur Books)
„Ratih Kumala gelingt durch ihre einfühlsame Erzählweise ein Kunststück, dasnur wenige Autoren meistern: Sie erschafft plastische Bilder im Kopf des Lesers.“

Rezension: Henriette Hell: Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt

Auf der Suche nach dem Höhepunkt
Sind wir das nicht alle irgendwie? Doch die Autorin Henriette Hell sucht ganz konkret: In „Achtung, ich komme!“ begibt sie sich auf große Orgasmus-Weltreise. Auslöser dafür ist heimischer Sexfrust, der Henriette vor Fragen stellt: Ticken Männer in Indien anders? Ist deutscher Sex einfach öde? Und warum reagieren viele Männer gleich vorwurfsvoll, wenn die Frau mal nicht zum Höhepunkt kommt? Die 1985 geborene Journalistin aus Hamburg arbeitet unter anderem als Reporterin für GEO und SPIEGEL online und wurde bekannt durch ihr Blog HELLROT.

Quelle: www.randomhouse.de
Quelle: www.randomhouse.de

Sex-Experimente rund um die Welt
„Achtung, ich komme!“ ist eine Reportage rund um die weibliche Sexualität. Die experimentierfreudige Henriette macht sich auf die Suche nach einem unvergesslichen Orgasmus und probiert dabei einiges aus: Tantra-Praktiken in Indien, Sex mit einem Fremden in den Ruinen der Inkas, Sex mit einer Frau oder mehreren Partnern. Sie recherchiert und reist über Monate hinweg durch Indien, Afrika, Thailand, Kambodscha, Vietnam, Peru, Amerika und durch Europas Metropolen – langweilig wird es ihr und dem Leser dabei jedenfalls nicht, eine verrückte Episode folgt der nächsten. 80 Orgasmen, wie es der Titel verspricht, erfährt Henriette dabei zwar nicht, allerdings entpuppt sich ihr Roadtrip auch so als turbulent genug…

Sex sells
Sex als Aufhänger und schon klingelt die Kasse – das gilt natürlich ebenso für „Achtung, ich komme!“. In schreiend rotem Einband und mit fettgedrucktem Titel giert das Buch nach lüsternen Lesern. Allerdings liest es sich auch als Reisereportage mit speziellem Fokus. Natürlich geht es hauptsächlich um Sex, aber eben ausschließlich um den weiblichen. Henriette erzählt kritisch vom Frauenbild in anderen Kulturen und philosophiert über Spiritualität, Erfüllung, Selbsterfahrung. Sie verknüpft informative Fakten mit eigenen Erfahrungen und Zitaten aus Popsongs – eine unterhaltsame Mischung.

Mein Fazit
Ein lesenswertes Buch, nicht nur für Frauen! Mit dem reißerischen Cover tut sich der Verlag allerdings keinen Gefallen. Während meiner Lektüre in der Straßenbahn sah ich mehrmals neugierige Blicke oder rollende Augen, abfällige Bemerkungen – das ganze Programm. Dabei steckt doch überraschend viel Niveau in der Klappenbroschur: Henriette Hell spricht offen über Tabus und Fragen wie: Ist es nur Sex, wenn der Mann kommt? Stimmt etwas mit der Frau nicht, wenn sie beim Liebesakt keinen Orgasmus erfährt? Offen und ehrlich geht sie unliebsamen Tatsachen auf den Grund und macht schüchternen Frauen mit ihrer Message Mut: Traut euch zu sagen, was ihr braucht! Und auch die Männer können hier noch Einiges lernen. Vielleicht trägt die plakative Aufmachung doch Früchte. Detaillierte Schilderungen erotischer Abenteuer bietet „Achtung, ich komme!“ zuhauf und erfüllt damit alle Erwartungen. Wen Understatement und eine kleine Prise Weisheit eher anmachen: Trotzdem zugreifen. Dieses Buch fällt auf, unterhält und bietet das kleine Quäntchen Mehrwert. Bestimmt.

Henriette Hell: Achtung, ich komme! In 80 Orgasmen um die Welt
Blanvalet, 2015
Online bestellen: https://www.buchhandel.de/buch/Achtung-ich-komme–9783764505455
Autorin der Rezension: Sarah Teicher